Der steinerne Zwerg

Für Sigenia war es wieder soweit, sie rüstete sich für einen Spaziergang. Vor einigen Monaten hatte sie auf ihren Streifzügen oben im Wald eine Höhle entdeckt. Sie vermutet, dass es sich um ein Relikt aus vergangener Zeit handelt, als noch im großen Stil Eisen und Erze abgebaut wurden. Aus Sicherheitsgründen hatte man den Stollen zugemauert, doch auch diese Mauer hat schon einige Jahrzehnte auf dem Buckel, sie bröckelt, Pflanzen tun ihr übriges, inzwischen klafft in der Mauer ein Loch.

Immer dann, wenn sie das Gefühl hat, ihr würde die Decke auf den Kopf fallen, schnappt sie ihren Rucksack der mit allerlei Kram gepackt ist: ein Sitzkissen, der auch vor Nässe schützt, ein Fotoapparat, Mäppchen mit Bleistift, Kugelschreiber, Spitzer und Radiergummi, ein Zeichenblock und Schreibpapier sowie einen zuklappbaren Aschenbecher. Häufig nimmt sie noch eine Flasche Wasser und eine kleine Thermoskanne mit heißem Kaffee mit. Ihre Streifzüge können sich über Stunden hinziehen. Zuweilen wundert sich die Nachbarschaft über dieses Gepäck. Sie ahnt nicht, wer ihr auf der Schliche ist, wer unbedingt herausfinden möchte, wo sie so viele Stunden verbringt.
     Voller Vorfreude zieht sich Sigenia ihre Schuhe und Jacke an, nimmt ihren Rucksack, den sie beim Herausgehen auf ihrem Rücken fest macht, zügig geht sie auf der Straße, bald darauf sieht sie schon den Weg in den Wald. Auf dem Weg zum Stollen hält sie ihre Augen offen, es könnte sich m Wegesrand etwas zum Fotografieren anbieten. Doch dieses Mal entdeckt sie nichts, was ihre Neugierde befriedigen könnte aber vielleicht ist ihre Sichtweise durch die Vorfreude auf den Stollen auch verblendet. Normalerweise bemerkt sie nahezu jeden Vogel, jede kleine Veränderung, doch heute fällt ihr noch nicht einmal  auf, dass ihr jemand folgt. Als sie am Stollen ankommt, schaut sie sich kurz um und schlüpft dann durch die Öffnung. Sie weiß, welchen Ort sie heute im Stollen aufsuchen möchte. Neulich hat sie nämlich dort einen steinernen Zwerg entdeckt aber es fehlte ihr die Zeit, ihn sich genauer anzuschauen. Sie sucht sich einen bequemen Platz um möglichst nah bei ihm zu sein, zugleich aber weit genug von ihm entfernt, um ihn im Ganzen sehen zu können. Endlich hat sie einen geeigneten Platz gefunden. Auf ihrem Sitzkissen macht sie sich bequem, holt ihren Kaffee und ihren Tabak aus der Tasche, dreht sich in aller Ruhe eine Zigarette, zündet sich diese nach einem großen Schluck vom Heißgetränk an, betrachtet den Zwerg. Majestätisch sieht er aus bis auf seine klobige Hand, die nur aus drei Fingern und einem Daumen besteht. Ihr ist nur all zu klar, dass sie unter allen den lehmigen Steinen den Zwerg erkennt, andere sehen ihn vielleicht gar nicht oder etwas ganz anderes. Doch für sie ist es ein Zwerg. Lange sitzt sie vor ihm, starrt ihn an, fotografiert ihn, doch aufgrund der schlechten Lichtverhältnisse bekommt sie ihn nicht so richtig zu fassen. Wie bist du entstanden? fragt sie sich. Bist du über Jahrhunderte gewachsen wie in einer Tropfsteinhöhle oder bist du durch die früheren Bergarbeiter entstanden, die dich zufällig kreiert haben? Für einen Zwerg ist er ziemlich groß, stellt Sigenia fest, ein Zyklop könnte er genauso sein. In den Irrfahrten von Odysseus beschreibt Homer eine Insel mit merkwürdigen Figuren, die als einäugige Wesen beschrieben werden, er nennt sie Zyklopen.
     Hat er auf der anderen Seite noch ein Auge? Um das herauszufinden, klettert Sigenia leichtfüßig über die Steine, die stellenweise glatt sind. Nach mehreren Versuchen gibt sie es auf, der Zwerg will sein Geheimnis, inwiefern er über ein zweites Auge verfügt, wohl nicht preisgeben. Irgendwann wird sie es herausfinden, da ist sich Sigenia sicher, möglicherweise kennt sie schon die Antwort, wenn sie nur genauer hinschauen würde. Ein Zyklop ist für Menschen eher gefährlich, doch dieses Steingebilde sieht so harmlos aus, als könnte es kein Wasser trüben. Aber was hält der Zwerg auf seiner Hand?