Aquarell

Armut – Na und?

Jedes Jahr das gleiche Spiel: es werden der Bundesregierung Zahlen und Fakten über Armut in Deutschland vorgelegt, von allen Seiten wird die hohe Zahl bedauert, anschließend geschieht … nichts.

Hinter den Zahlen stecken Menschen, denen das Bedauern in keinster Form nutzt, da sie aus dieser Falle so nicht herauskommen. Was bewirkt die Armut, vor allem dann, wenn sie länger andauert, wie in den meisten Fällen über Jahre? Diese Frage stellte sich Sabeth Faber bei diesem Aquarell und fand zu folgenden Antworten: Die Menschen werden einsam, im Zuge der Einsamkeit verlieren sie immer mehr die Fähigkeit, sich mit anderen Menschen auszutauschen, die Kommunikation wird zu einer Barriere. Um dem Ausdruck zu verleihen, griff die Künstlerin zum Klassiker und setzte einen einzigen Menschen in ein braunes schäbiges Zimmer. Nur durch ein Fenster kommt etwas Sonnenschein herein, auf der rechten Seite ist ein Schrank, welche Art von Schrank bleibt bewusst unbeantwortet. Auf der linken Seite ist eine Art Bild, zusammengeschustert aus gefühlten 1000 Einzelteilen (womit die Künstlerin das Projekt Perspektivismus schon vorweg nimmt). Der Teppich ist eine Zumutung.

Permanent werden arme Menschen von gesellschaftlichen Veranstaltungen ausgeschlossen, da sie sich den Eintritt nicht leisten können, sich wegen ihrer Kleidung schämen. Umgekehrt wagen sie es kaum noch, Menschen zu sich nach Hause einzuladen, da die Wohnung heruntergekommen ausschaut. Neben der Zunahme von Einsamkeit wächst gleichzeitig der Frust, zumal sie ständig durch Werbung und Gespräche von ihren Nachbarn mitbekommen, was sich andere leisten können.

In einem anderen Zusammenhang setzte sich Sabeth Faber schon mal mit dem Thema Armut auseinander, nämlich im Bild „Weg der Erkenntnis“. Hierbei gab es für sie schon die Vorgabe einen verarmten Blinden zu malen, der vor cirka 2000 Jahren der Legende nach gelebt hat. Wenn man die beiden Bilder nebeneinander legt, ist es erstaunlich, dass in beiden Aquarellen die Farbe braun dominiert und in beiden spielt die Sonne als möglicher Hoffnungsträger eine Rolle.

Bevor die Sommerferien in diesem Jahr begannen, wurden in den Medien landauf, landab darüber gesprochen, wo man am besten Urlaub machen könnte. Für die Armen in diesem Land klingen solche Überlegungen wohl wie Hohn, da sie schon seit Jahren nicht mehr weg waren. Desto höher der Frustpegel steigt, desto wahrscheinlicher wird es, dass man sich irgendwelchen Rattenfängern anschließt, sofern sie versprechen, dass sich die eigene Situation verbessert. Auch der Aggressionspegel steigt und damit die Neigung, seiner Wut Luft zu verschaffen. Man braucht sich nicht sonderlich über die unkontrollierten Wutausbrüche in Stuttgart oder anderswo wundern, eher ist es verwunderlich, dass dies erst jetzt geschieht.

Obgleich der Slogan abgedroschen klingt: Armut geht uns alle an. Deshalb erklärten die Vereinten Nationen 1992 den 17. Oktober als Internationalen Tag für die Beseitigung der Armut.

> Siehe auch: Rainer Maria Rilke: Da leben Menschen, weißerblühte, blasse

Titel: Armut
Aquarell auf Papier
entstanden: 11.07.2020
Größe: 24 cm x 17 cm
Signatur: hinten


> Mehr zum Thema: siehe Miniaturen

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