Gespräch über Bäume

Derzeit regt man sich in Siegen über einen gefällten Baum am Siegufer auf. Gestern bin ich bei Facebook das erste mal über dieses Thema gestolpert, heute habe ich dazu einen Kommentar von unserem Bürgermeister Mues auf Instagram gelesen.

Als ich gestern mit dem Thema des gefällten Baumes konfrontiert wurde, war meine erste gedankliche Reaktion: der arme Baum, früher schrieb Hoimar von Ditfurth das Buch „So lasst uns denn ein Apfelbäumchen pflanzen“, heute sägt man sie ab. Inzwischen sind ein paar Stunden vergangen, das Thema beschäftigt mich immer noch.
Was ist geschehen? Eine Gruppe von Menschen haben am vergangenen Wochenende mit einer Kettensäge einen Baum gefällt und dies mit LiveMusik begleitet. Dies sollte wohl ein Symbol dafür sein, was uns Menschen angetan wird, was damit sehr konkret gemeint ist, kann ich bisher nicht sagen, nur Mutmaßungen anstellen. Inzwischen ist laut () Siegener Zeitung, da es sich um eine politisch-motivierte Tat handelt, der Staatsschutz eingeschaltet.
Die Aufregung ist, soweit ich das den Kommentaren in den Sozialen Netzwerken entnehmen kann, groß. Da gibt es die einen, die mit Unverständnis reagieren, von unnötiger Zerstörung, Sabotage und Sachbeschädigung sprechen, wütend sind und die Gruppe möglichst hart bestraft sehen wollen. Auf der anderen Seite gibt es diejenigen, die sich die Frage nach dem warum stellen, die nicht glauben wollen, dass es eine Tat der Zerstörung war, sondern dass es hier um mehr geht.
Interessanter weise hat sich niemand darüber aufgeregt, als die Bäume entlang des Siegufers gepflanzt wurden und um die einzelnen Bäume alles versiegelt wurde, man hat den Bäumen nichts an Beigaben dazu gepflanzt, was ihnen vielleicht gut tun könnte.

Nachdenken über …

Auch ich stelle mir die Frage, warum die Gruppe das getan hat und nehme dies zum Anlass, mal darüber nachzudenken. Dieser Prozess des Nachdenkens zeigt das folgende vorläufige Ergebnis:

Seit spätestens den 1960er Jahre werden Kunstaktionen im öffentlichen Raum dazu genutzt, um Menschen wach zu rütteln. Dies geschah bisher vor allem in Großstädten. Man braucht sich also nicht über diese Aktion zu ärgern sondern wir können auch stolz darauf sein, denn nun gehört Siegen mit zu einer Plattform von Kunstaktivisten, die uns herausfordern. Nehmen wir die Herausforderung an.
In Siegen Weidenau gibt es entlang der Hauptstraße, in der Nähe von Startpunkt-57 (früher: Sparkasse) deformierte Bäume. Man hat über Jahre die Bäume immer wieder beschnitten, sodass sie nun krank aussehen, zumindest aber verkrüppelt. Das scheint völlig normal zu sein; dass sich darüber Menschen aufregen – Fehlanzeige. Aber nicht nur das. Wenn ich durch unsere Wälder streife im Gebiet von Weidenau, Geisweid, Birlenbach, Langenholdinghausen, sehe ich immer wieder kranke Bäume, auch das ist keinen Aufreger wert. Aber Bäume werden nicht einfach mal so krank, sie sind entweder von Pilzen befallen oder, oder, oder. All das hat mit dem Umgang mit der Natur zu tun.
Heute fiel mir ein Bericht, den ich vor etlichen Monaten bei WDR3 gehörte habe, über den sogenannten Kastanienkrebs ein. Seitdem fallen mir Kastanienbäume im Hüttental immer wieder auf, die offenbar ebenfalls von dieser Krankheit betroffen sind. Heute machte ich mich auf und fotografierte die betroffenen Bäume. Dabei fiel mir auf, dass an der Hauptstraße (Breitscheidstraße) die Bäume schon älter sind und arg in Mitleidenschaft gezogen sind. Erkennbar ist dies unter anderem an ihren braunen befleckten Blättern. Bis hierhin konnte ich mir sagen, ok, vor einigen Jahrzehnten hat man es noch nicht besser gewusst, Kastanienbäume sind nun mal schöne imposante Bäume, vor allem im Frühling, wenn sie rosa und weiß blühen. Dann ging ich nur ein paar Meter weiter entlang der Birlenbach, in erster Linie, um zu dokumentieren, wie viel Müll dort rum liegt (und das in einem Quasi-Naturschutzgebiet) und ich musste wahrlich nicht lange suchen, im Gegenteil, dort liegt soviel Müll rum (von Maske über Tabakbeutel und Bierdose, von Stangen über Plastik bis Stuhl), auch im Bach, dass ich damit aufhören musste. Nun fiel mir ein junger Kastanienbaum auf und auch der ist von der Krankheit befallen. Dieser Baum wurde aber erst vor ein paar Jahren gepflanzt, es handelt sich wieder um keinen heimischen Kastanienbaum und zu diesem Zeitpunkt hat man auf jeden Fall schon gewusst, dass Kastanienbäume zu dieser Krankheit neigen, die übrigens aus Asien über die USA bei uns eingeschleppt wurde, und dass es für die Natur besser ist, heimische Pflanzen zu nehmen. Aber es kommt noch schlimmer, auch andere Pflanzen sind inzwischen von dieser sehr ansteckenden Krankheit betroffen. Was wird dagegen getan? – Offenbar NICHTS, denn ansonsten würden sie so dort nicht mehr stehen, es scheint niemanden zu ärgern, niemanden aufzuregen, schlimmer noch, es fällt kaum jemanden auf, es ist leider normal.

Immerhin wird wieder über Naturschutz, Kunst und Politik gesprochen. Und im Raum wabert die Frage: Was darf die Kunst? Als es um den Terroranschlag auf Charlie Hebdo ging, behauptete man, dass Satire alles darf. Gilt das auch für die Kunst?

Anstatt sich über die Aktivisten nur aufzuregen und ja, auch ich bin nicht begeistert, wenn man einen Baum ohne Grund fällt, wie ich grundsätzlich gegen jegliche Art von Vernichtung von Pflanzen und Tieren bin, insbesondere dann, wenn es unnötig ist, so kann man dies als Anlass nehmen, um mal grundsätzlich darüber nachzudenken, was wir in Siegen für die Natur tun können und dem Nachdenken Taten folgen lassen, denn es gibt mehr als genug zu tun.


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Quelle:

Vgl. Anja Bieler-Barth (): „Kunstaktion“ endet mit „Baumopferung“ am Siegufer, Siegener Zeitung vom 31. Juli 2021, zuletzt besucht am 02.08.2021 


Diese Bilder unterliegen der Lizenz CC BY-ND 3.0 DE. Informationen zu der Lizenz findet man hier

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