Literatur

Ausnahmezustand

Dieses Bild ist entstanden, nachdem ich den Kriminalroman „Der namenlose Tag“ von Friedrich Ani (publiziert im Suhrkamp Verlag am 5. August 2015) gelesen habe. Da es im Roman um Depression und Schuld geht, ist dieses Aquarell grau geworden, jedoch gibt es Lichtblicke.

Der namenlose Tag“ von Friedrich Ani

Mit der Tür ins Haus

Am 14. Februar reißt jedes Jahr Ludwig Winther den Tag aus seinem Kalender. An dem Tag beging, laut Polizeibericht, seine Tochter Selbstmord, doch er glaubt, dass es Mord war und bittet den Kommissar in Ruhestand – Jakob Franck – den Fall noch einmal aufzurollen.

Erstaunlich ist es nicht, dass Ludwig Winther den Selbstmord seiner Tochter, der inzwischen ungefähr zwanzig Jahre zurückliegt, infrage stellt. Es ist ein Makel, der an ihm kleben geblieben ist. Jedoch wundert man sich, dass er sich an Jakob Franck wendet, der bei den damaligen Ermittlungen lediglich eine Randfigur war. Er hatte die Todesnachricht überbracht, ansonsten war er nicht weiter mit dem Fall betraut. Doch dem nicht genug. Schon vor zwanzig Jahren kochte die Gerüchteküche und man unterstellte Ludwig Winther, dass er seine Tochter misshandelt, vielleicht sogar sexuell missbraucht hat. Und schon ist die Frage im Raum: Ist er Opfer oder Täter?

Seitdem Suizid (oder war es doch Mord?) befindet sich Ludwig Winther im Ausnahmezustand. Die Risse in der Ehe sind sichtbar geworden, seine Frau verdächtigt ihn des sexuellen Missbrauchs. Sie macht sich Vorwürfe, dass sie es nicht bemerkt hat, dafür ist sie schnell bereit gewesen, der Gerüchteküche Glauben zu schenken. Ein Jahr nachdem Tod der Tochter begeht auch sie Selbstmord.

Der Nachname des Protagonisten deutet seinen Ausnahmezustand schon an: er ist einsam, melancholisch, aber auch voller Wut und vieler Fragen. Er versteht weder seine Tochter noch seine Frau und noch viel weniger sein Umfeld. Er betrachtet sich als Opfer, nie als Täter.

Im ersten Gespräch zwischen Ludwig Winther und Jakob Franck stellen sie scheinbare Parallelen in ihren Lebensläufen fest, auch die Ehe von Jakob Franck ist nach dem Selbstmord auseinandergebrochen, beide haben versucht, ihre Trauer in Alkohol zu ertränken.
     Das erste Gespräch hat Ludwig Winther herbeigeführt, indem er bei Jakob Franck aufgekreuzt ist, quasi mit der Tür ins Haus fiel, ohne Vorankündigung, er steht eines Tages vor der Haustür. So beginnt der Kriminalroman „Der namenlose Tag“ von Friedrich Ani. Die Erklärung für das überfallartige Verhalten liefert Ludwig Winther selbst, die einem zunächst plausibel erscheint, aber das Eindringen in das Privatleben stößt einem auf.

Friedrich Ani beschreibt virtuos einen Menschen, der sich in einem Strudelloch befindet, der dabei ist, unterzugehen und zwischendurch an die Oberfläche kommt und Luftholen darf. Dennoch löst es beim Leser kaum Mitleid aus, im Gegenteil, es verdichtet sich der Verdacht, dass Ludwig Winther an dem Tod seiner Tochter sowie an seiner Frau nicht unschuldig ist, aber ganz weit hinten, wie aus einem Nebel, dringt immer wieder die Frage zu einem durch, ob er vielleicht tatsächlich Opfer einer ziemlich miesen Gerüchteküche geworden ist. Der Kriminalschriftsteller denkt gar nicht daran, den Leser aus dieser Spannung herauszuholen, die muss man aushalten. Der Leser wird somit Teil der Handlung, es spiegelt einem das Verhalten der anderen: Für Außenstehende hat jeder Selbstmord eines Jugendlichen / eines jungen Erwachsenen mit Fehlverhalten der Eltern zu tun, man gibt ihnen automatisch eine Mitschuld. Solche Verurteilungen lassen außer Acht, dass niemand aus seiner Haut kann, auch Elternteile nicht. Natürlich gibt es Fehlverhalten von Eltern, die juristisch geahndet werden müssen, aber es gibt auch eine Reihe von Verhaltensweisen, die bei Kindern eine unterschiedliche Wirkung haben können. Bei dem einen Kind kann eine Moralpredigt wegen einer schlechten Note beispielsweise es dazu bewegen, zukünftig gründlicher zu lernen; bei einem anderen Kind kann es zu Verstocktheit führen und das Gegenteil erreichen.
     Wobei einschränkend gesagt werden muss: Friedrich Ani hält dem Leser keine Moralpredigt, er lässt den Leser teilhaben an einer spannenden Geschichte, doch die Schlussfolgerung soll und muss jeder selber ziehen.


Das Aquarell gehört zur Werkgruppe Literatur wie auch beispielsweise Die Fratze des Terrorismus.

Angaben zum Bild:

Friedrich Ani, Der namenlose Tag, Aquarell, modern Art, grau, Depression, Kunst, ApfelbaumTitel: Ausnahmezustand
Aquarell auf Papier
entstanden: 2016
Größe: 48 cm x 36 cm
Signatur: hinten

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> Bilder von der Ausstellung Im Wandel.

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Angaben zum Buch:

Friedrich Ani: Der namenlose Tag
Kriminalroman
301 Seiten
gebunden
erschien: 05.08.2015
Verlag: Suhrkamp
ISBN 978-3-518-42487-2
Preis: 19,95 € (D), 20,60 € (A)

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