Navid Kermani, Köln, Guy Helminger, Literarischer Salon

Swetlana Alexandrowna Alexijewitsch

Die weißrussische Schriftstellerin und Literaturnobelpreisträgerin (2015) Swetlana Alexandrowna Alexijewitsch (geboren am 31.05.1948 in der Ukraine) konnte unsereins am 6. März 2016 im Rahmen des Literarischen Salons in Köln erleben.

Auf der Straße mit Alexijewitsch

Warum verweist eine Männerunterhose auf das Geheimnis jedes einzelnen Menschen? Die Antwort ist simpel: weil der Homo Sowjeticus nicht existiert, weil Saschka brennt und weil Frauen nicht sterben in fremder Unterwäsche.
Im Literarischen Salon trifft Swetlana Alexijewitsch auf Guy Helminger und Navid Kermani, die kaum zur Frage kommen vor lauter Antwort. Nur dass die Antwort keine sein will. Alexijewitsch bietet Gedanken, Antworten hat sie nicht anzubieten, Gespräche und Monologe aber kein Letztenendes.

Vom Literarischen Salon aus nimmt Alexijewitsch ihre Zuhörer mit auf einen Rundgang durch die Straßen der ehemaligen Sowjetunion, denn von hier geht sie aus. Grund für ihren Gang durch die Straßen ist der Ärger über die flüchtige Natur der Wahrheit, zu finden in Fetzen, in Klängen und Klagen, in Kellern und Gassen, an Ecken und im Mauerwerk. Die Flucht des authentisch gesprochenen Wortes den Rinnstein hinab treibt die an Wahrheit Interessierte zur Feder, denn nur was geschrieben wurde kann überdauern. So ist ihre Literatur vielleicht Journalismus, das klassische Interview des Berichterstatters, ein nüchternes Haus erbaut auf dem Fundament literarischer Reisebeschreibung und Wesenssuche. Dabei, so betont es die Autorin, geht es ihr aber nicht um die Information, nicht um den Text für das Regal mit den Geschichtsbüchern, sondern, sie sagt es so flüchtig wie es gemeint ist, um das Geheimnis des Einzelnen. Worin es besteht behält sie gewitzt für sich und teilt es in ihren Texten doch mit. Das Geheimnis steckt in der Weigerung zu sterben, wenn die Kämpferin die Fragende verlacht, denn der Tod ist undenkbar, während man gezwungen ist in einer armeegestifteten Männerunterhose für den Sozialismus zu kämpfen. Das Geheimnis nimmt Saschka mit ins Grab, ohne es jenen zu erzählen, die ihm zusehen müssen, als er sich in seinem Gemüsebeet übergießt und anzündet. Es sind Erzählungen von einer Vergangenheit, die nicht vergangen ist, nur zerbrochen. In ihrer Zerbrochenheit existiert sie weiter und darin das Individuum, ebenfalls zerbrochen und der übergeordneten Sinngebung entkleidet. Der große Sinn, so Alexijewitsch, ist tief in der Mentalität der Russen verwurzelt, ohne kann und will der Russe nicht existieren und sucht nach dem neuen großen Ziel. Zwischen Sinn und Sinnverlust entfaltet sich das Spannungsfeld des Werks. Für ein authentisches Gespräch, so erfährt man, muss der totalitäre Mensch aus dem Totalitarismus herausgezogen werden. Dennoch verneint die Autorin die pauschale Annahme eines Homo Sowjeticus, stattdessen spricht sie von Individuen, tragischen Figuren und einem Volk, das sie liebte ohne es zu kennen. Der Schock darüber das Volk kennenzulernen scheint tief zu sitzen. Man erfährt vom Vorsatz der Autorin über andere Themen zu schreiben. Die Erzählungen des Volkes, die Straßenklagen und Gassengeschichten sind konserviert, vieles andere ist verloren und unwiederbringlich. Es ist ein Abend der Desillusionierung im Literarischen Salon, ein Spaziergang ohne Happy End. Vielleicht sogar eine literarische Lesung ohne Literatur, sicherlich ohne letztgültige Antworten. Das Geheimnis des Menschen bleibt offen.


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