Gründonnerstag: Wachet und betet

Das zweite Jahr in der Pandemie, das zweite Mal, dass alle Gottesdienste in der Karwoche und Ostern abgesagt wurden.
Am Vorabend von Karfreitag: Meine Tränen laufen, bahnen sich Wege über meine Wangen. Dagegen kann ich nichts tun, es ist einfach so.

Bleibet hier und wachet mit mir. Wachet und betet.
Eigentlich ist es simpel, zu bleiben und zu wachen, Jesus bittet seine Jünger um nichts Übermenschliches.
Am Morgen bin ich mit dem Wissen, dass heute Gründonnerstag ist, aufgewacht. Normalerweise gibt es am heutigen Tag so gut wie keinen Altarschmuck in den Kirchen und das Wenige, was für die Eucharistie benötigt wird, wird in unserer Gemeinde (St. Marien, Wenscht) in einer feierlichen Prozession in die Krypta gebracht. Zurück bleibt der nackte Altar.

Bleibet hier und wachet mit mir. Wachet und betet.
Vergangene Nacht habe ich zu wenig geschlafen, dennoch geht es mir gut. Wie jeden Morgen meditiere ich für eine halbe Stunde, anschließend frühstücke ich, mache mich gestärkt an mein Tageswerk.
Mittagszeit: Vor dem Essen bete ich den Rosenkranz, wie schon in der gesamten Fastenzeit, erstmalig in diesem Jahr, die Pandemie eröffnet mir neue Wege. Heute ist es aber anders. Der eingeschobene Satz im Ave Maria „der für uns gekreuzigt wurde“ haut mich um und ich ahne, der heutige Abend wird schwer für mich sein ihn auszuhalten aber mal noch kann ich mich mit der Vorstellung beruhigen, dass das im Vergleich zu den Verurteilten zum Tod nichts ist. Wie perfide ist der Mensch, dass er seine Artgenossen zum Tod verurteilt? Lautet nicht eines der zehn Gebote: du sollst nicht morden (töten)?

Bleibet hier und wachet mit mir. Wachet und betet.
Während ich den Rosenkranz bete, fällt mir das Taizé-Lied „Bleibet hier und wachet mit mir. Wachet und betet.“ ein und wieder fühle ich mich wie gelähmt. Daraufhin beschließe ich, den Abend mir bewusst zu gestalten, mit Kerzen, einem ungeschmückten Osterstrauch, die Tränen nicht zu verdrängen.

Bleibet hier und wachet mit mir. Wachet und betet.
Es ist Abend, die Tränen fließen. Die Vorstellung, dass da jemand im Gethsemane-Garten mit seiner Todesangst ringt, der weiß, dass er in wenigen Stunden gekreuzigt wird, in diesen bitteren Stunden nichts mehr benötigt als seine Freunde, die aber schlafen, lassen ihn hängen, treibt mich um. Seitdem ich vor einigen Jahren an einem Gehirntumor operiert wurde, habe ich eine Ahnung, was Todesangst bedeutet. Die Tage bis zur OP zogen sich wie Gummi, gleichzeitig wünschte ich mir, sie würden nie vergehen. Bei mir ist alles gut gegangen, ich bin wohlauf. Wenn ich aber schon solch eine Angst ausgestanden habe, um wie viel größer ist die Angst bei denjenigen, die wissen, dass das Todesurteil vollstreckt wird?

Bleibet hier und wachet mit mir. Wachet und betet.
Einen befreundeten Todesverurteilten zu begleiten ist anstrengend und zermürbend. Wohin mit der Angst, mit den Fragen, mit der Wut, mit der Trauer? Seinen Freund möchte man in seinen letzten Stunden verschonen, will ihm Mut zusprechen, doch die Worte bleiben einem im Halse stecken, jedes Wort, jede Geste, jede Zuwendung muss abgewogen werden, man möchte seine Not auf keinen Fall vergrößern. Die eigene Kraft reicht nicht mehr. Alles wiegt wie Blei.

Bleibet hier und wachet mit mir. Wachet und betet.
All das Zermürbende, das Hoffnungslose macht müde, unendlich müde. Jetzt nur noch im Schutz der Dunkelheit sich unter einen Baum kuscheln aber da ist der Freund, der Verurteilte. Ein tiefer Schlaf ist nicht möglich, jedes leise Geräusch lässt einen aufschrecken.

Die Tränen sind versiegt.

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Bleibet hier und wachet mit mir. Wachet und betet.: Dieses Lied wurde im Bereich von Taizé geschrieben und komponiert.

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