Zuschauer*innen

Regelmäßig ist Sabeth Faber erstaunt, wenn Menschen überrascht sind, dass mal wieder häusliche Gewalt zur Tragödie führte, denn, so die Siegener Künstlerin, man braucht nur genau hinzuschauen, denn Kinder geben Hinweise darauf. Aber seitdem sie „Ein Hungerkünstler“ von Grafik, moderne Kunst, Gitterstäbe, Luftballon, Panther, Architektur, Keller,Franz Kafka (03.07.1883 – 03.06.1924) gelesen hat, überrascht sie nicht mehr viel. In dieser Erzählung wird beschrieben, wie einer vor den Augen anderer hungert, er sitzt hinter Gitterstäben, Zuschauer*innen können daran vorbei gehen und sein Elend sehen. Anstatt irgendetwas dagegen zu unternehmen, finden sie das auch noch lustig.

Vor einiger Zeit hat Sabeth Faber von einer Frau erzählt bekommen, wie sie als Kind mit ihren beiden jüngeren Geschwistern während der Bauzeit, die Eltern bauten ein Haus fast vollständig in Eigenregie, und sie mit ihren Geschwistern im Keller eingesperrt wurde. Dieser Kellerraum war sehr schmal mit einem sehr kleinen Fenster. Auf dem Boden lag ein schmaler Teppichboden, ansonsten war da nichts, kein Spielzeug, kein Zugang zu Essen und Trinken, keine Möglichkeit, um auf die Toilette zu gehen. Nach dieser Tortour mussten sie täglich eine gute dreiviertel Stunde nach Hause laufen. So ging es über Wochen und Monate.
Eines Tages setzten die Eltern noch einen oben drauf. An einem sehr heißen Spätsommertag mussten sie in einem sehr kleinen Verschlag aus einer Art Wellblech draußen im Garten verbringen. Dieser Verschlag war so klein, dass nicht alle drei gleichzeitig darin sitzen konnten, sie konnten weder auf Toilette, noch etwas Essen oder Trinken, sie waren auf ihre Mutter angewiesen, die während dieser Stunden in der prallen Sonne nur ein- bis zweimal vorbeischaute. An Spielzeug war nicht zu denken und so versuchte sie ihren beiden Geschwistern mithilfe vom Erzählen von Geschichten die Zeit rum zu kriegen. Abends hatte sie sehr starke Kopfschmerzen, doch das Schlimmste für sie war, dass es Nachbarn gesehen haben und nichts aber auch rein gar nichts dagegen unternahmen. Mindestens genauso schlimm empfindet sie es, wenn sie heute darüber spricht und sie glattweg ins Gesicht gesagt bekommt, dass dies unmöglich sei, dass so etwas nicht in Deutschland vorkäme.

Wie sehr der Künstlerin die Erzählung der Frau zu Herzen ging und vermutlich immer noch geht, wird in der Grafik deutlich. Ein grüner Luftballon liegt hinter eisigen hellblauen Gitterstäben in einem grauen dunklen Raum. Der Boden scheint sich zu bewegen, oder es könnte sich auch um Stufen handeln, die noch weiter hinabführen. Wenn es sich tatsächlich um Stufen handelt, wird der Bewegungsraum für den Luftballon noch kleiner als er sowieso schon ist, denn dann wäre ein möglicher Fall nicht ausgeschlossen. Einsam und verlassen liegt er da, jeder kann ihn sehen. So fühlt sich wohl ein Mensch, der solchen Qualen ausgesetzt ist.

Angaben zur Grafik:
Titel: Zuschauer*innen
Grafikgröße (B x H):
6000 x 4111 px


> Mehr zum Thema: Vermischtes / Architektur / Ballon / Grau 

> Siehe auch: Rainer Maria Rilke (): Der Panther

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