Wir wünschen allen eine schöne Adventszeit

Mit dem ersten Advent gibt es auf dieser Seite einen Adventskalender der besonderen Art. Lassen Sie sich überraschen.

 

Annette von Droste-Hülshoff: Am ersten Sonntage im Advent

„Saget der Tochter Sion: Sieh
dein König kommt.“

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Ich schenke dir ein Licht

Du bist so mild,
So reich an Duldung, edler Hort!
Und mußt so wilde Streiter haben;
Dein heilig Bild
Ragt über stolze Banner fort:
Und deine Zeichen will man graben
In Speer und funkensprüh’nden Schild.

Wenn Stirn an Stirn
Sich drängen mit verwirrtem Schrei
Die Kämpfer um geweihte Sache,
Wenn in dem Hirn
Mehr schwindelt von der Welt Gebräu,
Von Siegesjubel, Ehr‘ und Rache
Mehr zähe Spinngewebe schwirr’n,

Als stark und rein
Der Treue Nothhemd weben sich
Sollt‘ unter reinen Herzens Pochen:
Wer denkt der Pein,
Durchzuckend wie mit Messern dich,
Als du dem Schächter Heil gesprochen?
O Herr, sind dieß die Diener dein!

Wie liegt der Fluch
So schwer auf Allen, deren Hand
Noch rührt die Sündenmutter Erde!
Ist‘s nicht genug,
Daß sich der Flüchtling wärmt am Brand
Der Hütte? Muß auf deinem Heerde
Die Flamme schür‘n unsel‘ger Trug?

Wer um ein Gut
Der Welt die Mühe sich verdarb,
Den muß der finstre Geist umfahren;
Doch was dein Blut,
Dein heilig Dulden uns erwarb:
Wir sollten kniend es bewahren
Mit starkem, aber reinem Muth.

So bleibt es wahr,
Was wandelt durch des Volkes Mund: 
Daß wo man deine Tempel schauet
So mild und klar,
Dicht neben den geweihten Grund
Der Teufel seine Zelle bauet,
Sich wärmt die Schlange am Altar.

Allmächt‘ger du!
In dieser Zeit, wo dringend Noth,
Daß rein dein Heiligtum sich zeige,
O laß nicht zu,
Daß Lästerung, die tückisch droht,
Verschütten darf des Hefens Neige
Und ach, den klaren Trank dazu!

Laß alle Treu‘
Und allen standhaft ächten Muth
Aufflammen licht und immer lichter!
Kein Opfer sei
Zu groß für ein unschätzbar Gut,
Und deine Scharen mögen dichter
Und dichter treten Reih‘ an Reih‘.

Doch ihr Gewand
Sei weiß und auf der Stirne werth
Soll keine Falte düster ragen;
In ihrer Hand –
Und faßt die Linke auch das Schwert –
Die Rechte soll den Ölzweig tragen,
Und aufwärts sei der Blick gewandt.

So wirst du früh
Und spät, so wirst du einst und heut‘
Als deine Streiter sie erkennen,
Voll Schweiß und Müh‘,
Demüthig, standhaft, feindbereit;
Du wirst sie deine Schaaren nennen
Und Segen strömen über sie.

– Annette von Droste Hülshoff –

Dieser Text ist Gemeinfrei.

Quelle: Annette von Droste Hülshoff: Das geistliche Jahr. Nebst einem Anhang religiöser Gedichte, Ferdinand von Schöningh, 1883 (2. Auflage), Paderborn, S. 97 ff.

> Siehe auch Grafik: Ich schenke dir ein Licht


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